Fotografie, Kultur
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Siegfried Kracauers Fotonachlass

Fotos aus unbekanntem Nachlass

Fotos aus unbekanntem Nachlass

Mit der S-Bahn am Abend quer durch die Region nach Marbach auf die Schillerhöhe. Im Vortragssaal des Literaturmuseums der Moderne ein Foto im kleinen Format an die Wand projeziert. Es zeigt eine menschenleere Kreuzung mit Häuserzeilen einer unbekannten Stadt – im Vordergrund nur der Schatten eines einzigen Paares. Das Bild ist aus dem Nachlass Siegfried Kracauers und die Schatten stammen vermutlich von ihm und seiner Frau.

Zum Anlass des 125. Geburtstages Siegfried Kracauers am 8.2.2014 hat das Literaturmuseum der Moderne eingeladen, einen Blick in den Fotonachlass des Soziologen und Philosophen zu werfen. Neben zahlreichen Textdokumenten (Arbeitsbibliothek, Materialsammlungen, Briefen und Tagebüchern) lagern über 600 Fotografien im Marbacher Literaturarchiv.

Einen winzigen Teil davon hat die Literaturwissenschaftlerin Maria Zinfert nun als Ergebnis ihrer Sichtung und Spurensuche im Gespräch mit Bernd Stiegler, Literaturprofessor an der Uni Konstanz und Spezialist für Fotografiegeschichte und -theorie, einem kleinen Kreis interessierter Gäste präsentiert. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Kunsthistoriker Frank Druffner, Literaturarchiv Marbach.
Es werden Portraitaufnahmen gezeigt, Straßenszenen bei Nacht – aus der Zeit des Pariser Exils in den 1930er Jahren. Dann Fotos aus den 1950er und 1960er Jahren, die meist in Sommerurlauben in den USA aufgenommen worden sind, wo Kracauer mit seiner Frau Elisabeth Ehrenreich seit der Flucht aus Europa im Jahr 1941 lebte.

Mein Eindruck nach den ersten Bildersequenzen:
Diese Allerweltsfotografien – scheinbar ohne großen künstlerischen Wert – befinden sich in vielen Nachlässen und erwecken normalerweise kein größeres Interesse. Na ja – und die Eheleute Kracauer waren auch nicht gerade die talentiertesten Fotografen. Sie haben aber beide Bezug zur Fotografie. Er als Film-und Fototheoretiker, sie als Journalistin für Modezeitschriften.

Fragen werden gestellt, Antworten versucht:
Wie stellen sie sich auf den Fotos dar? Kommen die eigenen fototheoretischen Überzeugungen in den Bildern zum Ausdruck ? Was erfahren wir über den privaten und beruflichen Alltag? Welche Orte werden gezeigt? …….

Im Verlauf der Präsentation wird es interessant.
Fast alle Fotos sind selbst geschossen, viele Aufnahmen im Freien, die Nachtaufnahmen von Paris – für die damalige Zeit revolutionär – nur mit Profi-Technik (kurze Verschlußzeiten) möglich.
Wir erfahren, dass die Kracauers eine der modernsten Kameras der Zeit verwenden, die legendäre Leica, dass sie beide fotografieren, sich oft gegenseitig am gleichen Ort ablichten – „Fotografische Zwillinge“ (Maria Zinfert). Frau Kracauer ist es wohl, die entscheidet, von welchen Aufnahmen Abzüge bestellt werden. Sie erteilt dazu konkrete Anweisungen.
Inszenierungen eines fleißigen, aktiven Schriftstellers und Denkers. Im Widerspruch zu seinem Theorieansatz aus den 1950er Jahren – „Fotografie gestattet ein Konkretwerden der Welt“?

Ein spannender Vortrag, der neugierig macht, mehr zu erfahren über die Fotoschätze aus dem Kracauernachlass und mehr über die fototheoretischen Positionen von Siegfried Kracauer.
Für Bernd Stiegler gilt es Kracauer als Theoretiker der Fotografie erst noch richtig zu entdecken.
Maria Zinfert arbeitet an einem Buch über das Kracauer-Fotoarchiv.

Link:
Siegfried Kracauer – Leben und Werk

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