Kultur
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Sprache als Heimat – „Willschaheisle“

 Mit Dialekt ist es wie mit fremder Sprache. Nicht vertraut damit, kann es leicht zu Missverständnissen kommen.

Als ich mit mit meinen Eltern im Alter von 4 Jahren aus einer Kleinstadt im hohen Norden nach Stuttgart kam, hatte ich nach wenigen Tagen schon ein traumatisches Migrationserlebnis.

Bergheimer Hof, eine neue Siedlung in „Weil im Dorf“, weit draußen im nordwestlichen Stadtbezirk Stuttgarts, bot in den 1950er Jahren noch viel Platz zum Spielen. Autos gab es in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg kaum, aber dafür um so mehr Kinder. Wir Kinder waren immer nur draußen.

Uli, ein etwas größerer Nachbarjunge, kam eines Tages freudestrahlend mit einem für mich undefinierbarem Etwas in der Hand auf mich zu und sagte so ungefähr: „willschaheisle“?

Da ich nicht verstand, kam er mit diesem Ding in der Hand und seinem „willschaheisle“ – „willschaheisle“ immer lauter näher, bis er in seiner Enttäuschung und Verzweiflung das „willschaheisle“ vor meiner Nase fuchtelnd hinausschrie.

Mit zischenden Lauten einer fremder Sprache so bedrängt, erfasste mich die schiere Angst. Heulend rannte ich auf und davon, bis ich der Mutter in der Waschküche aufgelöst schluchzend das Erlebnis mit Uli und seinem „willschaheisle“ berichten konnte. Für mich stand fest, „willschaheisle“ bedeutet, ich kriege „Haue“, also Schläge. So war meine Flucht naheliegend.

Bald kam dann auch die Nachbarin mit ihrem Uli und dem Etwas, – ein aus Papier und Holz erbauten kleinen Häuslein – dazu, und erklärte mir, dass der Uli mich doch nur als neuen Freund gewinnen möchte und das Häuslein als Geschenk für mich eigenhändig gebastelt hatte.
Ich verstand endlich: Die kleinen Schwaben hier sind auch ganz normale Kinder.
Doch die Freundschaft mit Uli kam irgendwie dann nicht so recht zustande. Vermutlich war ich mit meinem „blöden“ Reißaus für Uli als Freund nicht mehr tragbar.

Fortan hatte ich jedenfalls keine Angst mehr, wenn ich Schwäbisch hörte. Mit der Zeit verstand und sprach ich auch immer mehr diese Mundart. So ist nach dem ersten Schrecken das Schwoabaländle schließlich meine Wahlheimat geworden. Die schwäbische Mundart findet zwar noch immer keine Heimat in meiner „Gosch“, aber sie hat für mich längst einen wohlvertrauten heimatlichen Klang angenommen. Egal welche Fortschritte ich mache, für die echten Schwaben bleibe ich sowieso für immer und ewig ein „Reigschmeggter“.

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