Fotografie
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Das Fotobuch im Fokus

Fotobücher können mit ihren Bildern (und auch Texten) großartige Geschichten erzählen – über Städte, Landschaften, Unternehmen, Milieus, Menschen. Einen guten Einblick in das, was und wie im künstlerischen Fotobuch in den vergangenen Jahrzehnten publiziert wurde, habe ich Mitte Oktober auf einer Fachtagung in München erhalten.
Die Veranstaltung „Gedruckt und geblättert – Das Fotobuch als Ausdruck ästhetischer Artikulation seit 1940“ am Zentralinstitut für Kunstgeschichte München richtete sich in erster Linie an NachwuchswissenschaftlerInnen der Kunstgeschichte, war aber auch offen für interessierte Fotobuchfreunde und -sammler.
Die Darstellung und Diskussion von Entwicklungen der Fotobuchproduktion und -rezeption von renommierten Kunsthistorikern und jungen Doktoranden offenbarte ein breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen für dieses Medium.

Für mich zweifelsohne ein Höhepunkt der Tagung war

der Beitrag von
Katharina Jörder aus Berlin über Mikhael Subotzkys Fotobücher „Beaufort West“ und „Ponte City“.

In dem Fotobuch „Beaufort West“ zeigt der südafrikanische Künstler wie sich eine Stadt um eine Haftanstalt entwickelt. Bei diesem Projekt erkundet er die Stadt in einer 360-Grad-Perspektive wie in einem Panoptikum und macht deutlich, dass ebenso wie die Haftanstalt auch andere Institutionen wie die Schule nach dem gleichen Muster der Überwachung und Disziplinierung funktionieren, und letztlich auch die Stadt selbst. Es geht um die Darstellung von Macht, die diesen Mustern zugrunde liegt. Und dabei stellt sich die Frage, inwieweit nicht auch der Betrachter selbst Macht ausübt. Dass es Subotzky in seiner Arbeit um die Würde der Menschen geht, wird in einem Gruppen-Foto mit den Häftlingen besonders deutlich. Alle haben es eigenhändig unterschrieben.

Bei „Ponte City“ – dem jüngsten Projekt Subotzkys –  geht es um ein berüchtigtes Hochhausgebäude mitten in Johannesburg, das als Rundbau auch an ein Panoptikum erinnert. Das lange leerstehende und dem Verfall überlassene Gebäude haben sich schließlich arme Bewohner angeeignet. Was nach Freiheit klingt, kann auch als Gefängnis angesehen werden – zumindest geht Subotzky dieser Frage nach. In der kleinsten Zelle des Hochhauses – im Fahrstuhl – hat er Porträts der Menschen aufgenommen. Die Nähe wirkt da fast  irritierend. Auf anderen Fotos blicken die „Hausbesetzer“ aus den Fenstern hinab auf die Stadt, weit weg und isoliert von ihrer Umgebung. Ich finde: ein sehr beeindruckendes Fotobuch. Das Buch ist ein bibliophiles Kunstwerk, offeriert in einer Schachtel, die noch weitere kleinere Foto-Broschüren enthält – mit Detailaufnahmen von Ponte City und seinen Bewohnern.

Weitere berühmte Arbeiten und Fotografen wurden vorgestellt und interpretiert:

  • Roy Decarava, „The sound I saw“ . Darin greift der Fotograf Motive aus der Musik auf und macht sie visuell sichtbar. Ein Fotobuch „für jene, die Augen zum Hören haben“.
  • Helga Paris mit ihrem Ausstellungs- und Buchprojekt „Häuser und Gesichter aus Halle“ über dieTristesse und den Zerfall der Altstadt in den letzten Jahren der DDR.
  • „Naked City“ von Weegee  mit seinen in den 1940 Jahren sensationellen  Photos vom frühen Sunday Morning in Manhattan.  Immer als erster nah am Ort des Geschehens, beherrschte er das fotografische Spiel mit den Emotionen wie kein anderer. „Naked City“ war sein Meisterstück.
  • „Lisboa: cidade triste e alegre“ von Victor Pallas und Costa Martins aus dem Jahr 1959
  • Joachim Schmid mit der „Ersten Allgemeinen Altfotosammlung“ zur professionellen Bildentsorgung , bei der die eingesammelten privaten Fotos von ihm dann in kleinen Serien in Fotobüchern öffentlich wurden .

Die Reise nach München an diesem schönen Herbstwochenende hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Mit vielen Anregungen im Gepäck bin ich schließlich – die Bahn wegen dem Lokführerstreik meidend – entspannt mit dem Fernbus heimgefahren.

Herzlichen Dank an das Zentralinstitut für Kunstgeschichte und die Verantwortlichen für diese gelungene Tagung, den unkomplizierten Rahmen und die kostenlose Bewirtung.

Weitere Informationen zur Tagung auf der Homepage des Zentralinstituts für Kunstgeschichte

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