Ausstellungen, Fotografie
Kommentare 1

Salgados „Genesis“-Fotos neu lesen

Banner - "Genesis"-Ausstellung c/o Berlin

Banner – „Genesis“-Ausstellung c/o Berlin

Im Frühjahr haben mich die „Genesis“ Fotos von Sebastião Salgado im c/o Berlin tief beeindruckt.

Leider habe ich bei aller Begeisterung für Salgado die zur gleichen Zeit im c/o stattfindende Ausstellung „Distanz und Begehren – Begegnung mit dem afrikanischen Archiv“ nicht besucht. Diese sollte als Gegenüberstellung zur Salgados Ausstellung einen politischen Dialog herstellen:
Hier spektakuläre zeitgenössische Fotos des weltberühmten brasilianischen Fotografen, dort eine Auseinandersetzung mit dem fotografischen Erbe des Kolonialismus in Afrika – historische Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1870 und der Frühzeit des 20. Jahrhunderts, kontrastiert mit aktuellen Fotografien zeitgenössischer Künstler aus Afrika – kuratiert von Tamar Garb.

Die britische Kunsthistorikerin Tamar Garb äussert sich in einem Interview über die heutige Bedeutung kolonialer Bilderwelten kritisch über Salgados Genesis Projekt:

Ich würde sagen, dass Salgados Blick einer sehr romantischen Vision folgt, die den Glauben an das Schöne und Erhabene der Natur fördert. Da findet sich ein Hauch von Ruhm und der majestätischen Wirkung, die der Natur im 19. Jahrhundert zugeschrieben wurde, auch wenn Salgado nicht der Erste ist der diese Sicht der Natur verkündet. In gewisser Hinsicht ist er der Caspar David Friedrich unserer Zeit. Man kann anhand seiner Kamerawinkel, seiner dramatischen Kontraste und in der Art, wie er seine Bilder rahmt, erkennen, dass er eine ehrfürchtige, inspirierende, fast religiöse Stimmung erzeugen möchte. Indem er den Namen „Genesis“ benutzt, verlegt er dem Ganzen eine fast biblischen Charakter. Un in diese Welt platziert er Tiere und Menschen, die er als eins mit der Landschaft betrachtet. Von daher bezieht sich die Romantisierung nicht nur auf die Landschaft, sondern auch auf die Menschen.

Hier lässt sich ein Bezug zur neuen Ökologiebewegung herstellen. Spannend ist, dass Teile dieser Bewegung unkritisch an diese lange Geschichte der Romantisierung anknüpfen. Über die Umweltpolitik bekommt sie eine neue Rechtfertigung. Es ist interessant, dass etwas, was wir vor zwanzig Jahren als Wiederholung einer sehr alten verlogen-romantischen Vision beschrieben haben, heut zu neuem Leben erweckt wird, weil wir so viel Angst davor haben, was mit dem Planeten geschieht. Ich denke, dass Salgados Arbeit gut in dieses Schema passt.

„Ich empfinde seine Darstellung von Menschen als sehr problematisch. Die Fotografie ist ein zutiefst modernes Medium, aber was wir bei Salgado beobachten können, ist, wie die moderne Technologie und die technischen Apparaturen dazu genutzt werden, das Bild einer Welt zu zeichnen, in der die Zeit stehen geblieben ist und die sich nie verändert hat. Es ist keine grundsätzlich böse Welt, aber eine, die im Status der Entwicklungshemmung verharrt. Egal, ob man sie idealisiert und glorifiziert oder als elendig primitiv ansieht: Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Allein, dass man mitsamt all seiner Apparaturen und Kameras ein Flugzeug besteigt, beweist, dass man Teil der modernen Welt ist. Das ist die finstere Täuschung, die ich in Salgados Projekt sehe. Für mich ist es eine sehr problematische Weiterführung einer überholten Betrachtungsweise. Es ähnelt der Vision, wie sie die FotografInnen des 19. Jahrhunderts verfolgten, als sie sich ihnen unbekannten Menschen und Orten näherten.“

Nachzulesen in der Zeitschrift des Informationszentrums Dritte Welt, Sept./Okt. 2015: »Fotografie gehört allen« – Interview mit Tamar Garb über die heutige Bedeutung kolonialer Bilderwelten.

Bereits im Frühjahr hat das Kunstmagazin ART mit Bezug auf die Ausstellung „Distanz und Begehren“ in Berlin zur „neuen Lektüre“ von „Genesis“ eingeladen.

Vom 09.10.2015 – 24.10.2016 ist dazu Gelegenheit. Die Kunststiftung der Bayerischen Versicherungskammer stellt in dieser Zeit Salgados „Genesis“-Projekt in ihrem Kunstfoyer in München aus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.