Ausstellungen, Fotografie
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Fotografie als Denksport

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Der Raum für Fotografie Mannheim ZEPHYR empfängt uns mit dem aus der Dunkelkammer noch so vertrauten Geruch von Fotochemikalien.

Wie dahin geworfen erscheinen mir die Arbeiten der japanischen Künstlerin Hiroko Komatsu – gleich einem improvisierten Versuchs-Laboratorium. Auf dem Boden verstreut und an den Wänden angebracht Schwarz-Fotos, auf denen Unmengen der verschiedenartigsten Baumaterialien zu sehen sind. Dazu große Fotobahnen – frisch entwickelt und scheinbar nicht richtig ausgewässert – mit Abbildungen vom Durcheinander auf gigantischen Baustellen.

Daneben zeigt der Niederländer Frank von Der Salm Ausschnitte von Mega-Citys auf wandfüllenden Digitaldrucken  z.B. eine riesige Front eines noch leerstehenden Hochhauses oder eine beleuchtete Fensterfassade, wie aus Glasbausteinen zusammengesetzt – alles immer etwas unscharf abgebildet.

Im nächsten Raum sind unzählige Farbaufnahmen über die Zerstörung alter chinesischer Stadtviertel des inzwischen weltweit bekannten und in seiner chinesischen Heimat verfolgten Konzeptkünstlers Ai Wei Wei zu sehen.

Diese Arbeiten, die sich im ZEPHYR mit dem urbanen Wandel kritisch auseinander setzen, sind nur ein kleiner Teil des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, das  sich der großen Herausforderung stellt, an 7 Plätzen in 3 Städten 7 prekäre Felder mit dem Medium der Fotografie darzustellen. Alle Themen behandeln Probleme und Konflikte, die unsere Welt aktuell bewegen:

  1. High-Tech, Logistik & Migration (Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen)
  2. Gewalt und Zerstörung (Kunstverein Ludwigshafen)
  3. Urbanismus & Real Estate (ZEPHYR – Raum für Fotografie, Mannheim)
  4. Geld und Gier (Kunsthalle Mannheim)
  5. Wissen, Ordnung, Macht (Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Mannheim)
  6. Ich-Fest & Selbst-Stress (Sammlung Prinzhorn, Heidelberg)
  7. Kommunikation und Kontrolle (Kunstverein Heidelberg)

Der Kurator Urs Stahel dazu in Interviews:
Prinzip Hoffnung mit Fotos
Fotografie als Denksport

Die von Urs Stahel ausgewählten Fotografischen Arbeiten und die Herangehensweise der Künstler an das Thema sind völlig unterschiedlich und in vielen Fällen sind sie für den Betrachter kaum zu entschlüsseln. Da ist es schon sehr hilfreich, dass zu jedem Künstler und seiner Arbeit ein Flyer zum Mitnehmen bereit steht, dem die wesentlichen Intentionen des Künstlers zu entnehmen sind.

Nachdem ich nun 6 der 7 Ausstellungen  gesehen habe, bin ich froh, dass ich  bei der Festlegung meiner Route nicht gleich in Ludwigshafen begonnen habe. Die Arbeiten im Kunstverein dort über Gewalt und Zerstörung sind  auch für gestandene Erwachsene schwer zu verdauen.

In der Heidelberger Sammlung Prinzhorn wird der Besucher dann mit Kunstwerken und Lebensschicksalen junger Psychiatriepatienten konfrontiert, die in ihren Zeichnungen der Suche nach Identität Ausdruck verleihen und so Einblick geben in das Ringen und oft auch tragische Scheitern.

Nicht nur für die Macher ist das Fotofestival eine Mammutaufgabe, auch für den Besucher ist es mehr anspruchsvolle Arbeit als Vergnügen. Für den, der selbst nachdenken und andere Blickwinkel kennen lernen möchte, lohnt der Weg in die Rhein-Neckar-Region, um sich in dieser einmaligen Fotoschau  der Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Themen der Zeit zu stellen.

Für mich zählt das diesjährige Fotofestival MA-LU-HD zum Besten, was ich an konzeptioneller Fotografie bisher gesehen habe.

Die Ausstellungen des Fotofestivals sind noch bis zum 15. November zu sehen.

Ein Katalog mit einführenden Gedanken zu den Themenfeldern und zu den Fotografischen Arbeiten von Urs Stahel ist im Kehrer Verlag erschienen.

 

 

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