Fotografie, Gesellschaft
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Die Dichterin der Armen

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Bei meinem Freiwilligendienst mit Obdachlosen in Valparaiso/Chile habe ich dieses Buch über die Menschen am Rande der Gesellschaft entdeckt, das mich sehr fasziniert: „Rostros con Rastro“ (Gesichter mit Spuren), Edition La Matriz

Es enthält Fotografien, Gedichte und Hintergrundtexte über die Ärmsten im alten Hafenviertel. Im Zenrum des Barrio Puerto betreibt die katholische Kirchengemeinde La Matriz seit Jahrzehnten die Anlaufstelle und Suppenküche Comedor 421.

Die Schwarz/Weiß-Fotografien des professionellen Fotografen Andrés Nicolini sind für sich schon sehr stark. Das harte Leben auf der Straße hat deutliche Spuren in den markanten Gesichtern hinterlassen und Andrés Nicolini gelingt es eindrucksvoll, mit seinen Bildern die Gesichter zum Sprechen zu bringen. Sie erzählen vom Leben im Schatten, von Armut, Hunger, Schmerz und Einsamkeit.

Noch mehr haben mich aber die ergänzenden kleinen Verse berührt. Auch wenn mir manch sprachliche Feinheit der spanischen Gedichte (noch) verschlossen bleibt. Die Melodie der Verse und die einfühlsamen Worte haben mich sofort gefangen genommen.
Was ist das wohl für eine Frau, die dies schreibt?

Mariposa

Mariposa, mariposa
regáleme destellos de colores
para pintar tu lindo pelo
Y le cante al viento
Y en su moviemento melodías
melodías de paz, que
reflejen tu cansado andar
Mariposa, mariposa
no te canses de amar ..

Nun habe ich über das Internet in der führenden chilenischen Tageszetung El Mercurio ein sehr aufschlussreiches Porträt der Poetin gefunden.
Norma Bernales Jerez hat immer in Valparaiso gelebt. Es ist eine ganz einfache Hausfrau und Mutter. Sie hat drei Kinder und eine Enkelin. Im Alter von 16 Jahren hat sie bereits geheiratet und lebt seit dem mit ihrem Mann zusammen, der als Wachmann in einem Supermarkt arbeitet. Sie leben in einem kleinen Haus in Cerro Playa Ancha, in der Gegend, in der sie mit 13 Geschwistern aufgewachsen ist. Ihre Mutter war auch Hausfrau, und ihr Vater Arbeiter.
Norma Bernales Jerez hat nicht studiert und auch noch nie eine Schreibwerkstatt besucht hat. Vor Jahren schon fing sie an, Verse zu schreiben, weil es ihr Freude macht, ihre Beobachtungen auf diese Weise zu verarbeiten und festzuhalten.

Als dienstälteste Freiwillige ist sie nun schon über 20 Jahre ehrenamtlich in der Suppenküche Comedor 421 tätig. Als man sie nun bat, ihre Verse in das Buchprojekt über die Menschen im Hafenviertel einzubringen, wurde sie sehr verlegen. Sie sei doch keine Dichterin, sondern sie schreibe nur das auf, was sie sieht. Den Menschen hier fühle sie sich sehr zugeneigt, so sei das meiste, das sie zu Paper bringt, über sie.

Ein kleiner Film über die Arbeit in der Suppenküche
Comedor 421 hier auf youtube

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