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Foro Mundial de la Bicicleta

immer wieder Absprechen - die Organisatoren von FmB5

immer wieder Absprechen – die Organisatoren von FmB5

Radfahrer aller Länder trafen sich in Santiago de Chile zum 5.Foro Mundial de la Bicicleta (Weltfahrradforum). Der Ort für die Auftaktveranstaltung war bewusst gewählt – direkt vor dem Museum der Erinnerung und der Menschenrechte. Denn es ging auch hier ganz grundsätzlich um die Rechte des Menschen, nämlich um nichts Geringeres als die Rückeroberung des öffentlichen Raums in den Städten der Welt durch ihre Bürger.

Nachdem in Brasilien im Jahr 2011 ein Autofahrer absichtlich in eine Radfahrerguppe gefahren ist und dafür nicht einmal belangt wurde, haben die brasilianischen Radfahrer 2012 zum ersten Foro Mundial de la Bicicleta in Porto Alegre aufgerufen, um sich für die Rechte und Interessen von Radfahrern und Fußgängern einzusetzen. Nach weiteren Treffen in Brasilien – 2013 in Porto Alegre und 2014 in Curitiba – fand das 4. Forum 2015 in Medellin/Kolumbien statt.

Was waren nun die Ziele in diesem Jahr in Chile?

Generell geht es dem Bündnis der chilenischer Radaktivisten darum, dass engagierte Bürger aus verschiedenen Ländern zusammenkommen, um Fragen des Radfahrens, intelligenter zukunftsfähiger Mobilitätssysteme, sowie der nachhaltigen Einbeziehung und Nutzung der Umwelt zu diskutieren.

Im Einzelnen verfolgen sie sehr anspruchsvolle Ziele:

1. Gerechtigkeit bei der Nutzung des öffentlichen Raumes, die dem Maßstab menschlicher Mobilität entspricht.
2. Förderung von Bürgerautonomie durch erneuerbare menschliche Energie.
3. Bewusstsein schaffen für die Kraft gemeinsamer Arbeit und die Stärke von sozialen Organisationen, Radfahrern und Bürgern bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes, der Entwicklung zukunftsfähiger Mobilität und der Umsetzung einer von Bürgern mitgestalteten Poltitik in diesen Bereichen.

Weil mich als Radfahrer aus Passion diese Initiative und die Ziele begeistern und ich ohnehin in Chile war, habe ich mich als Freiwilliger gemeldet, um ein wenig zum Gelingen des Forums beizutragen.
Meine konkrete Aufgabe war die Verteilung und Ausgabe der Verpflegung an die bis zu 200 Macher und Helfer an täglich wechselnden Veranstaltungsorten. Durch die Wahrnehmung dieser Aufgabe war ich natürlich gebunden und konnte nur beiläufig einzelne Vorträge und Veranstaltungen verfolgen. Aufgrund meiner geringen Spanischkenntnise wäre mehr auch gar nicht möglich gewesen.
Andererseits war ich Backstage ganz nah dran am harten Kern der Organisatoren, konnte sie und die internationalen Stars unter den Vortragenden beim Smalltalk ein wenig kennenlernen und so doch einen Einblick in die lateinamerikanische Radfahrszene und einen recht guten Überblick vom gesamten Forum erhalten.

Und das was ich gehört und gesehen habe, über Initiativen, Projekte und bereits realisierte Veränderungen aus Chile und den anderen vornehmlich lateinamerikanischen Ländern, ist schon sehr beeindruckend.
Die Umgestaltung der kolumbianischen Hauptstadt Bogota hat in den letzten Jahren weltweit für Aufsehen gesorgt, aber auch in Santiago de Chile hat sich eine breite Bürgerbewegung der Cyclisten entwickelt. Die Nutzung des Fahrrads ist dadurch in den letzten Jahren geradezu explodiert und die Kommunalpolitik unterstützt diese Entwicklung der Stadt nach Kräften.

Die Bürgermeisterin von Santiago de Chile, Carolina Tohá

Die Bürgermeisterin von Santiago de Chile, Carolina Tohá

Gleich am ersten Tag hat die Bürgermeisterin an der Spitze der Mitte-links ausgerichteten Kommunalverwaltung von Santiago Zentrum, Carolina Tohá, höchstpersönlich die Entwicklung und weiteren Ziele des Umbaus auf dem Forum präsentiert. Auch andere der selbständigen Kommunen in der Metropolregion Santiagos und die Regierung der Region fördern den dringend erforderlichen Umbau der Stadt, da die sehr starke Luftverschmutzung eine große Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung in der Region Groß-Santiago darstellt.
Als weiteres Zeichen und als Symbol für die Unterstützung der Ziele des Forums kann auch der Empfang einer Gruppe von Repräsentanten des Forums bei der Staatspräsidentin Michelle Bachelet zum Abschluss der Veranstaltung angesehen werden.

Für mich war es eine große Freude, hier so viele politisch und sozial engagierte, radfahrbegeisterte junge Menschen kennen zu lernen, die für eine menschenwürdigere Ausgestaltung unserer Städte und ein besseres (Zusammen)-Leben kämpfen. Alle engagieren sich als Aktivisten an der Umgestaltung der Stadt und sind regional, national und international sehr gut vernetzt.

Andreas Rohl, Gehl Architects Kopenhagen

Andreas Rohl, Gehl Architects Kopenhagen

Als Protagonisten und Stars des Forums waren auch Gary Fisher, der legendäre „Erfinder“ des Mountainbikes und Chris Carlsson, einer der Gründer der Critical-Mass-Bewegung aus Kalifornien anwesend, der Fahrrad-Guru Andreas Rohl von Gehl Architects Kopenhagen, und – für mich zunächst überraschend – der durch seine großen Bewegungsskulpturen bekannt gewordene und von den jungen Leuten fast wie ein Popstar gefeierte holländische Künstler Theo Jansen

Theo Janssen - umringt von seinen Fans

Theo Janssen – umringt von seinen Fans

Die Anwesenheit des bekannten und preisgekrönten chilenischen Biologen Humberto Maturana hat ebenfalls für Aufsehen gesorgt.
Der Querdenker und diziplinübergreifende Wissenschaftler hat in seinem Beitrag die Kraft der Bürger zur Gestaltung und Aneignung ihrer Städte betont und ist damit in besonderer Weise
auf das Motto des Forums „Humane Energie – Stärke der Bürger“ eingegangen, das programmatisch für das grosse Anliegen der Aktivisten stand.

 Gary Fisher - bei seinem Vortrag

Gary Fisher – bei seinem Vortrag

Es wurde während des Forums in vielen Facetten gelebt und war im Kleinen wie im Großen erfahrbar. Getragen von diversen Gruppen und Initiativen arbeitete die Kerngruppe von etwa 20 jungen Frauen und Männern aus allen Berufen ein Jahr lang mit Herz und Verstand ehrenamtlich an der Vorbereitung des großen Events. Bereits beim ersten Treffen für die Voluntarios konnte ich die Begeisterung, Kraft und Freude spüren, sich gemeinsam für dieses Ereignis und für eine menschenfreundlichere Umwelt zu engagieren.
Nicht nur der weit gefasste inhaltliche Rahmen des Treffens erforderte große konzeptionelle Anstrengungen, auch die Realisierung einer internationalen Veranstaltung an täglich wechselnden Standorten war eine einzigartige logistische Herausforderung. Obwohl dies für alle Beteiligten eine ziemliche Belastung darstellte, blieben die Macher immer gelassen und gingen miteinander und mit den Gästen freundschaftlich – ich empfand vielfach auch sehr herzlich – um.

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An den Forums-Tagen stand Santiago ganz im Zeichen der ohnehin zahlreichen Radfahrer. Morgens trafen sich die Teilnehmer in Gruppen, um gemeinsam zu den Veranstaltungen durch die Stadt zu radeln. Dafür haben sie im Vorfeld schon einen neuen Radweg entlang des Rio Mapocho erkämpft und am Sonntag wurde sogar die sonst untersagte Mitnahme von Fahrrädern in der Metro erlaubt.

Ein besonderer Spaß und auch Höhepunkt für mich war die Teilnahme an der großen Ciclatada vom zentralen Plaza Italia quer durch die Stadt bis hinaus nach Pajarito und wieder zurück mit mehreren Tausend begeisterten Radfahrern. Anschließend wurde noch bis in die Nacht in einer Kneipe mit den Radlern gefeiert. Zum Übernachten hat mich einer der Aktivisten, Mathias von der Gruppe Bicipaseos Patrimoniales, dann zu sich mit nach Hause eingeladen.

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Herzlichen Dank Mathias, Dir und all deinen chilenischen Freunden für die tolle Veranstaltung und große Gastfreundschaft. Den vielen teilnehmenden Radfreunden aus den benachbarten Ländern danke ich für die inspirierenden Beiträge, guten Gespräche und die tolle Stimmung.

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