Gesellschaft, Kultur
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Parklets für Stuttgart

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Was tut sich da in Stuttgart, meiner Stadt? Entgegen des Trends zur Umwandlung von kostenlosen öffentlichen Parkflächen in kostenpflichtige Parkplätze, sollen jetzt einige der knappen Parkflächen für Autos gesperrt und den Bürgern für andere Nutzung gebührenfrei zur Verfügung gestellt werden. Darf man das? Geht das überhaupt? Im Rahmen eines Real-Experiments auf jeden Fall.

Recht ungewöhnlich, teilweise sehr speziell, doch allemal auf sehr sympathische Art und Weise wurden in den letzten Tagen an ein paar Stellen der Stadt Parkflächen mit einfachen Mitteln in Räume zum Verweilen für die Bürger umgestaltet. Bei der Schaffung dieser sog. Parklets werden die von Privatautos besetzten öffentlichen Flächen wieder den Menschen zugänglich gemacht. In Stuttgart geschieht dies im Rahmen eines von der Universität gemeinsam mit verschiedenen Bürgergruppen ins Leben gerufenen und vom Land Baden-Württemberg unterstützten Reallabors für Nachhaltige Entwicklung. Die Parklets sind dabei eines von insgesamt sechs unterschiedlichen Projekten der Mobilitätskultur.

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Bei einer Radrundfahrt wurden die Parklets gestern offiziell vorgestellt. Außer den Dozenten und Studenten des verantwortlichen Teams vom Institut für Städtebau der Universität Stuttgart sind auch einige interessierte Bürger gekommen, um die neuen Installationen zur Belebung der Stadt anzuschauen.

Die Tour führte von der Gutbrodstrasse in die Schwabstrasse, Gutenbergstrasse und Reinsbergstrasse im Westen, und schließlich ins Gerberviertel zur Sophienstrasse. Danach ging es weiter in den Süden zur Tübingerstrasse kurz vor dem Marienplatz, dann in den Osten zum Schützenplatz, und von dort hinunter in die Kronenstraße nahe des Hauptbahnhofs, um schließlich in der Lange Straße zum Abschluss zu kommen.

Die einzelnen Parklets haben Architekturstudenten nach sehr individuellen Konzepten entworfen und mit kleinstem Budget umgesetzt. Paten (z.B. benachbarten Läden) und Bürger aus der Nachbarschaft sollen helfen, diese Räume mit Leben zu füllen.

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Ich finde es ganz toll, was sie hier geschaffen haben. Einige hatten im Rahmen dieses Projekts das erste Mal Gelegenheit, ihre planerischen Überlegungen nicht nur in Skizzen zu Papier (oder auf den Laptop) zu bringen, oder vielleicht auch schon mal einen Raumentwurf im Modell zu fertigen, sondern ihr Werk nun ganz real in den Stadtraum zu stellen.
Vieles ist handwerklich improvisiert, manches auch schon fast perfekt umgesetzt. Alles sprüht aber von planerischer Intelligenz, Kreativität und Individualität – und einige Parklets könnten – so wie sie sind – den Stadtraum schon jetzt dauerhaft verbessern. Das „Unfertige“ ist hier aber durchaus gewollt, sollen doch die Parklets erst von den Bürgern nach ihren Nutzer-Wünschen (weiter-)entwickelt werden. Bei der Konstruktion der „Casa“ am Schützenplatz können die Bürger ihre Wünsche und Anregungen mit der bereitgestellten Kreide an der mit Tafelfarbe bemalten „Hauswand“ notieren oder auf der eigenen Casa Schützenplatz Facebookseite kommunizieren.

Die Voraussetzungen an den einzelnen Standorten waren immer recht unterschiedlich. Einmal stand nur ein Parkplatz zur Verfügung, das andere Mal zwei. In einem Fall wurde Parkfläche auf dem Gehweg zurück erobert, bei den meisten Standorten Parkflächen auf der Straße genutzt. Für die Parklets verwendeten die StudentInnen meist gebrauchte Materialien aus Holz wie Paletten, Türen, Bretter, usw.. Auch ein aus Eisen gefertigter Rahmen (Kronenstrasse), der ein Theater darstellen soll, ist zu bewundern. Eine andere Konstruktion nutzt gebrauchte Obstkisten und für ein transparentes farbiges Dach leere Plastikflaschen (Sophienstrasse). Selbst Pappe für transportable Sitzhocker wurde für eine temporäre Nutzung im Freien als brauchbar angesehen (Tübingerstrasse am Marienplatz).

Mir bereitet dieses Parklet-Experiment sehr große Freude. Anders als die vielen Wunden, die der Stadt durch die umstrittenen Großbaustellen zugefügt werden, können hier zarte Pflanzen einer neuen lebensfreundlicheren Stadtlandschaft wachsen. Das macht Hoffnung.

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