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Tour de France in Stuttgart

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Heute rollt das Peloton der Tour de France zur Abschlussetappe wieder die Champs-Élysées entlang. Am Gesamtclassement der Grand Boucle wird sich wie immer auf der letzten Etappe nichts mehr ändern. Mit großem Vorsprung ausgestattet ist Christopher Froome der Sieg der diesjährigen Tour nicht mehr zu entreißen.

30 Jahre ist es nun her, als auch mich das Tourfieber gepackt hatte. Als im Jahr 1987 der umtriebige Journalist und Radsportveranstalter Winfried Holtmann aus Sindelfingen eine Touretappe nach Stuttgart holte, konnte ich mir das Tour de France-Spektakel direkt vor der Haustür anschauen – am Botnanger Sattel, wo die Rennfahrer die Kräherwaldstraße entlang brausten. Nachdem ich dort damals mit meiner kleinen Tochter eine ganze Weile auf die Tourkarawane gewartet hatte, war der Spaß auch rasch schon wieder vorbei, denn die Rennfahrer sind in weniger als einer Minute an uns vorbei gerauscht. So wie Tausende an den Straßen in Frankreich hat mich 1987 dieses Radsportereignis auch in Stuttgart in den Bann gezogen. Damals war der populäre Frankfurter Dietrich Thurau im Peloton dabei, und auch der junge Rolf Gölz aus Oberschwaben fuhr schon erfolgreich mit.

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Ein Jahr später gab es in der Region mit Winfried Holtmanns Team Stuttgart erstmals wieder eine deutsche Profirennradmannschaft, die zwei Jahre später dann in das Team Telekom überging und unter diesem Label schließlich über zehn Jahre Tourgeschichte schrieb.

Als geübter Alltagsradfahrer, der täglich mit dem Rad zur Arbeit fuhr, bin ich damals über meine radsportbegeisterten Kollegen auch zum Rennradfahren gekommen, und seitdem unternehme ich mit meinen Radsportkameraden jedes Jahr immer wieder schöne Touren mit dem Rennrad.

Nachdem der junge Jan Ullrich hinter dem Dänen Bjarne Riis 1996 Zweiter der Tour der France wurde, hat das in Deutschland einen bislang nie gekannten Rennradboom ausgelöst, der 1997 durch den ersten Toursieg eines Deutschen weiter angefacht wurde. Die Telekomstars fuhren nun stets vorne mit, wenngleich Jan Ullrich ein zweiter Toursieg nicht mehr gelingen sollte. Meine Begeisterung war damals so groß, dass ich im Juli 1997 mit meinem Radsportfreund in die französischen Alpen gefahren bin, um in Alpe d`Huez und tags darauf am Col de Glandon vor Ort das Tourgeschehen mitzuerleben.

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Bei mir hat sich die Begeisterung für den Tour-Rennzirkus nach der Aufdeckung des Festina-Dopingskandals bei der Tour 1998 bereits merklich abgekühlt, obwohl damals der gesamte Umfang des Dopingsumpfes im Rennradsport noch nicht abzusehen war. Geahnt hat man damals irgendwie schon, dass das Ganze nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Die späteren notdürftigen Geständnisse über die jahrelange Verwicklung in flächendeckendes Doping deutscher und internationaler Spitzenfahrer und schließlich die Aufdeckung des kriminellen Lügengebäudes eines Lance Armstrong ließen den Profiradsport in Deutschland zusammenbrechen.

Nun haben wir mit Marcel Kittel, Andreas Greipel, Jan Degenkolb und weiteren Talenten wieder erfolgreiche deutsche Fahrer bei der Tour dabei. Auch die ARD berichtet nach jahrelanger Pause wieder über die Tour, und 2017 wird die Tour de France in Düsseldorf starten. Dennoch kann ich mich heute nicht mehr so richtig dafür begeistern und frage mich, ob dieses traditionsreiche Rennradspektakel wie andere Sportgroßveranstaltungen nicht nach wie vor von dubiosen Managern und kriminellen Machenschaften beherrscht wird, wo fairer Sport einfach auf der Strecke bleibt.

Wenn Radsportveranstaltungen wie die Tour de France wenigstens zum weiteren Ausbau der Radinfrastruktur in unseren Städten führen würde. In Düsseldorf zumindest wollen die Stadtoberen die Aufmerksamkeit für die Tour de France auch für eine Erhöhung des Radverkehrsanteils bis auf 20 % nutzen.

In Stuttgart hingegen haben weder die Touretappe 1987 noch die beiden Radsportweltmeisterschaften in den Jahren 1991 und 2007 zu spürbaren Verbesserungen für den Radverkehr in der Stadt geführt. Ob mit oder ohne Tour de France, der Radverkehrsanteil muss auch in Stuttgart erhöht werden, wollen wir nicht weiter in endlosen Staus stecken bleiben und an Feinstaub erkranken.

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