Reisen
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Wiedersehen in Madrid


„Hallo Reinhold, hast Du mal in Stuttgart-Bergheim gewohnt? Gruß Wolfgang.“
Diese Anfrage erhielt ich vor drei Jahren über Facebook.

Sicher, aber das ist doch schon fast 50 Jahre her. Wer kennt mich denn noch aus dieser Zeit? – Erinnerungsfetzen aus der Kindheit und Jugend in Stuttgart schwirren mir durch den Kopf. – Wer ist Wolfgang? – Ich krame alte Fotos aus der Kindheit hervor, und entdecke ihn schließlich auf einem Klassenfoto von 1962 . Wolfgang sitzt da direkt neben mir.


Natürlich, der Wolfgang, den mochte ich sehr und so habe ich ihm auch gleich geantwortet:

„Ja, ich bin dort aufgewachsen, und wenn ich nicht irre, sind wir zusammen in der Rappachschule im Giebel zur Schule gegangen. Später hatten wir über die Musik Kontakt. Ich habe Dich damals so bewundert, wie cool Du Gitarre gespielt hast.“

Wir schickten uns ein paar Mails und erzählten via Skype unsere Lebensgeschichten. Wolfgang lebt seit Jahrzehnten in Neuseeland und plante für 2018 noch einmal eine große Reise nach Europa und Amerika. Auch Spanien stand auf seinem Reiseprogramm. Da ich dieses Land liebe und ein wenig Spanisch spreche, kamen wir recht schnell überein, uns dort zu treffen und Spanien gemeinsam zu besuchen.

Je näher der Zeitpunkt der Reise rückte, desto schwieriger und unsicherer wurde für mich die konkrete Reiseplanung. Denn mittlerweile bin ich an Krebs erkrankt und immer wieder in der Klinik zur Behandlung. Wolfgang, der seit einem schweren Schlaganfall mit Ende 30 im Rollstuhl sitzt, hatte dafür sehr viel Verständnis. Wir freuten uns aufs Wiedersehen und auf Spanien und hielten am Ziel fest.

Wolfgang meistert sein Schicksal auf beeindruckende Weise. Mit seinem Lebensmotto „Das Glas ist halbvoll“ – so auch der Name von Wolfgangs Blogs – macht er vielen anderen Schlaganfall-Betroffenen und Angehörigen Mut und bestärkte mich, nicht aufzugeben und trotz der Krankheit dem Leben weiter positive Seiten abzugewinnen, und vor allem darauf zu achten, was trotz der Einschränkungen immer noch möglich ist. Dieses Ziel vor Augen und der Zuspruch und das Verständnis von Wolfgang halfen mir sehr, die Behandlungen durchzustehen.

Als dann im Frühjahr absehbar war, dass ich bis zum geplanten Reisebeginn auch noch die Reha schaffen kann, habe ich den Flug, den Mietwagen und die Unterkünfte für unseren kleinen Roadtrip von Madrid, über Zaragossa nach Barcelona gebucht. Dabei wurde mir erst bewußt, an was man als Rollstuhlfahrer alles denken muss. Obwohl viele Hotels mit Barrierefreiheit werben, können nur ganz wenige tatsächlich den Erfordernissen von Rollstuhlfahrern (Zimmer, Toilette, Bad, Speiseräume, usw.) gerecht werden, und das hat dann seinen Preis.

Zwischendrin zweifelte ich. Und ich fragte mich, ob zwei Wochen kurz nach der Reha für mich nicht zu anstrengend werden und ob wir uns auch noch im Alter gut verstehen? Wir waren zwar gute Schulfreunde und hatten uns als Jugendliche noch einige Male getroffen. Bevor wir richtig erwachsen waren, haben wir uns aber völlig aus den Augen verloren.

Doch die Freude und die Neugier überwogen. Schließlich trafen wir uns am Madrider Flughafen Barajas das erste Mal nach Jahrzehnten wieder und begrüßten uns herzlich – beide recht geschlaucht, Wolfgang von der langen und anstrengenden Reise von Auckland, über Los Angeles, London nach Spanien, und ich von den wochenlangen Behandlungen und Klinikaufenthalten.

In den ersten Tagen in Madrid ließen wir uns bewusst Zeit, um anzukommen, uns wieder etwas näher kennenzulernen und auch um herauszufinden, was wir in der Stadt gemeinsam machen können und wollen. Einig waren wir uns schon bei der Reiseplanung, dass wir das Interesse an der Kunst mit Besuchen in den weltberühmten Museen befriedigen, uns aber auch ebenso Ruhe und Pausen gönnen und uns nicht überfordern wollten. Die in Spanien übliche Siesta über die Mittagsstunden würde uns sehr gelegen kommen.

Anfangs war es für für mich nicht leicht, wie ich Wolfgang unterstützen sollte und wo er mit seiner gewohnten Selbständigkeit allein zurecht kommen mochte. Ich glaube, dass ich ihm da mit meinem Helfersyndrom in den ersten Tagen zu viel abnehmen wollte und ihm gelegentlich auch auf den Wecker ging. Gut, dass wir darüber offen sprechen konnten, und wir im Laufe der Tage immer besser ein stimmiges Maß für gegenseitige Unterstützung gefunden hatten. Überhaupt waren unsere Unterhaltungen von großer Offenheit.

Für mich war die gemeinsame Spanienreise mit Wolfgang ein einmaliges Erlebnis und eine willkommene Ablenkung nach all den Wochen, in denen meine Krankheit so sehr im Vordergrund stand. Es war auch eine Reise zurück in die Kindheit, denn Wolfgang hatte viele Anekdoten aus dieser Zeit zu erzählen, an die ich mich nur noch ganz dunkel erinnern konnte. Spannend war auch, wie Wolfgang mich in seiner Erinnerung früher gesehen und wie ich mich als Kind und Jugendlicher selbst gefühlt hatte.
Schlußendlich empfinde ich große Dankbarkeit, dass wir uns wieder begegnet sind und eine so schöne Zeit miteinander verbracht haben, zumal ich nach der Rückkehr erneut in die Klinik musste und seitdem der Kampf gegen den Krebs wieder meinen Alltag bestimmt.
P.S. Wolfgang schreibt aus seiner Sicht über unsere Spanienreise im online Magazin Disability Horizons

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