Familie, Gesundheit
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1918 – Krieg, Hunger und die Spanische Grippe

Zum Gedenken an den früh verstorbenen Onkel Walter

Walter, Zeichnung von E.O.Bercht nach einer Fotografie, Dresden 1923

„Lieber Walter! Hast Du die neue Krankheit? Ich nicht, man nennt sie bei uns Sucht.“
schrieb am 20.07.1918 die jugendliche Gretel aus München ihrem Cousin Walter nach Dresden.
Und am selben Tag auch Tante Else an die Nichte Johanna:
„Hier in München sterben die Kinder im Alter von 14-17 Jahren wie die Fliegen, es soll die Lungenpest herrschen, ich muß deshalb mit Gretel fort… Der Doktor hat uns auch gesagt, Gretel muß einige Zeit in andere Luft wegen ihrer Bleichsucht.“

Diese in den privaten Briefen als „Sucht“ oder „Lungenpest“ bezeichnete Krankheit hatte 1918 als „Spanische Grippe“ weltweit Angst und Schrecken ausgelöst. Heute – 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – wird in vielfacher Weise erinnert: Erinnerungen an die große Kriegskatastrophe, an den Hunger, an die Novemberrevolution, den Beginn der Demokratie.- Die Spanische Grippe ist jedoch weitgehend vergessen.

Aber diese Grippe bekommt eine neue Aktualität, seitdem in den vergangenen Jahren Grippewellen mit ähnlichen Virenstämmen wie 1918 auftraten.
In ihrem jüngst erschienenen Buch „1918 – Die Welt im Fieber“ (Hanser Verlag, München 2018) beleuchtet die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney anhand von Porträts das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie untersucht die Influenza-Pandemie aus dem Jahr 1918 in ihren Auswirkungen nicht nur wie bislang üblich allein bezogen auf Europa, sondern auf alle Erdteile mit ihren verschiedenen Kulturen:

„Die Spanische Grippe infizierte jeden dritten Erdbewohner, 500 Millionen Menschen. Zwischen dem ersten Krankheitsbefall, der am 4.März 1918 gemeldet wurde, und dem letzten, irgendwann im März 1920, tötete die Grippe 50 bis 100 Millionen Menschen, also 2,5 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung – eine Spannweite, die zeigt, wie vage die Erkenntnisse über die Spanische Grippe auch heute teils immer noch sind. … Die Spanische Grippe bedeutete die größte Vernichtungswelle seit dem Schwarzen Tod im Mittelalter, ja vielleicht sogar die größte der Menschheitsgeschichte. …Die Spanische Grippe schlägt sich in persönlichen Erinnerungen nieder. Sie steht uns nicht als historische Katastrophe vor Augen, sondern bildet sich in Millionen einzelner privater Tragödien ab.“ (Laura Spinney)
Die von Laura Spinney genannten Zahlen über Grippeinfizierte und Todesopfer mögen etwas hochgegriffen sein. 100 Jahre nach der Grippeepidemie lassen sich diese Schätzungen wohl auch kaum mehr verifizieren. Mehr als die nackten Zahlen zählt aber die Tragödie des einzelnen Menschen.

Ich möchte hier an das Schicksal meines in der Familie sehr geliebten Onkels Walter erinnern, der am 2. Dezember vor 100 Jahren im Alter von 18 Jahren an der Spanischen Grippe verstorben ist. Nicht seine Cousine Gretel hatte damals die „neue Krankheit“ erwischt, sondern den jungen Medizinstudenten Walter.

Walter und Felix mit Mutter Therese Bauer,
Foto Hugo Erfurth, Dresden 1907

„Mein lieber Bruder Walter war Mitglied des berühmten Dresdner Kreuzchores, sang sehr schön, geigte, spielte Klavier, dichtete und komponierte Lieder zur Laute. Wie unsere Mutter liebte er Bücher und alle Künste inniglich. Sein Ideal war, den Menschen zu helfen.“
So beschreibt mein Vater Felix Bauer in seinen Lebenserinnerungen seinen 6 Jahre älteren Bruder.

Die gute Hilda Kegler, einst Kindermädchen bei der Familie Bauer in Dresden, erzählte mir im Jahr 1980 im hohen Alter über „ihren“ Walter.
„Von den beiden Kindern war Walter der Mutter sehr ähnlich. Er hatte auch dieselbe Augenfarbe wie die Mutter, und er war ruhiger wie der Felix.“ – „Einmal, da war ich krank und mußte wegen einer Herzbehandlung liegen. … Und da kam mein Walter einmarschiert. Er hatte die Laute mit… Und ein Büchlein dazu mit Noten von Volksliedern. Ich hab da auf der Chaiselongue gelegen und am Fußende hat mein Walter gesessen und mir Lieder vorgesungen: „Wenn die Bauern am Sonntag in die Kirche gehen, bleiben sie nochmal vor’m Wirtshaus stehen…“ all solche Sachen hat er mir vorgesungen. Das war nett, es war ein lieber Junge. Er hat mir auch viel von seiner Cousine Gretel vorgeschwärmt. Die liebte er besonders. Sie sang so schön.“ –
„Die Bauers kamen gerade zurück von einer Reise und da erzählte mir Frau Bauer, daß ihr Mann den katholischen Geistlichen von Lauterbach dort kennengelernt und gesprochen hatte. Er hat ihm dann von seinem Sohn Walter erzählt, daß dieser ein Gedicht geschrieben und vertont hätte, und daß er dies mit Musikbegleitung einmal gerne hören würde. Daraufhin hat dieser Geistliche mit dem dortigen Kirchenchor das Lied einstudiert und es in der Kirche im Gottesdienst gesungen“

Ein Marienlied, Worte, Weise und Satz von Walter Bauer

„Walter war von dem fortschrittlichsten aller mir bekannten Lehrer, Dr. Will Grohmann am König-Georg-Gymnasium (K.G.G.) in Dresden, magnetisch angezogen. Daher aus der Kreuzschule ausgerückt und hat dann Anfang 1918 am König-Georg-Gymnasium das schnelle „Notabitur“ gemacht, damit er Soldat werden und an der Front verheizt werden konnte. Walter wurde – obwohl Zugführer der christlichen Pfadfinder – aber für untauglich befunden, und entging so dem Gemetzel des Krieges.“ erinnert sich Felix später.
Dazu schrieb Mutter Therese (Reserl) am 26.4.2018 an Johanna:
„Daß (dein Bruder) Albert in Freiburg und jetzt nicht mehr im Feld ist, muß man ein rechtes Glück nennen. Da bin auch so froh, daß man Walter wegen seiner Nervenentzündung im Arm nicht genommen hat. Von zwei Übeln ist seine Krankheit doch das kleinere.“

Am 20. August 1919 teilte Walter der Tante seine Zukunftspläne mit:
„Gestern kam eine große Überraschung für mich: Dein schönes Geschenk..Ich lag ja wieder einmal fest und da schneite dein schönes Buch in meine Krankenbude und hat mir so manche schöne Stunde bereitet. – Wie geht es Dir? …Daß Du Dich nur nicht übernimmst, das geht so sehr schnell heutzutage. Ich habe schon wieder eine derartige Sache gemacht und hätte ich mich nicht in Bayern ausgepolstert, dann wäre ich schlimmer dran als zuvor.
Nach den 4 Wochen in Bayern hatte ich noch eine Ferienkolonie von 40 Mann übernommen auf 3 Wochen in der Sächsischen Schweiz. Und diese ganzen 3 Wochen bin ich das Nesselfieber nicht losgeworden. Am Schluß werden mir noch 5 solche Stellen eitrig, die weitere 10 infizierten. Jetzt, nach 10 Tagen Bettlager bin ich endlich soweit, wieder gehen zu können. Morgen geht`s wieder in die Bibliothek. Gott sei Dank nur noch bis 15.September, dann kann man auf das Ziel lossteuern.
Ich werde in München studieren. -Also Anfang Oktober „auf in den Kampf“. Lust und Energie ist in Haufen vorhanden. So, da hast Du meine Zukunftspläne mit der gegenwärtigen Elendsschilderung zusammen…Sei nochmals herzlichst gedankt und geküßt
von Deinem Wastl.“

Insbesondere die städtische Bevölkerung musste sehr unter der Zwangsbewirtschaftung während des Krieges leiden. Explodierende Preise, Rationierungen, Hamsterfahrten, Suppenküchen, Schwarzmarkt und der allgegenwärtige Mangel an Nahrung bestimmte den Alltag vieler Stadtbewohner. Die Versorgungslage spitzte sich in den letzten Kriegsmonaten weiter zu. Es kam zu Protesten und Demonstrationen der Frauen und Mütter.

Über das Essen beklagte sich am 20.7.1918 auch Gretel aus München bei der Cousine Johanna:
„…Wir können hier schon lange keine Kartoffeln auftreiben.“
Und Walters Mutter Therese am 22.8.1918 aus Dresden an Johanna:
„…Walter, der freilich ziemlich herunter ist, tut hier also noch bis 15.September Dienst…Wenn hier nur das Hungerleiden nicht gar so arg wäre! ..nichts als Kartoffeln und Gemüse, ohne Mehl und Fett, früh, mittags und abends. Heute 1 Ei und 1/8 Pfund Käse! Auch wenn wir hier noch etwas bekommen, Ihr wißt es ja, wie schlecht es geht. Wir wollen nun H. bitten, ob die uns nicht beispringen wollen….-Walter geht also Anfang Oktober nach München. Er freut sich natürlich sehr darauf…“

Walter als junger Student 1918

Das Studierenden-Verzeichnis der Ludwig-Maximilian-Universität München führt im Wintersemester 1918/1919 auch den jungen Medizinstudenten Walter Bauer auf:
Bauer Walter, Medizin, Heimatort Dresden, wohnhaft Klarstr. 4/0, München
Vor dem Hintergrund der politischen Wirren im Herbst des Jahres 1918 mit dem sich abzeichnenden Ende des Ersten Weltkrieges, der Niederlage des Deutschen Reiches, der Revolution und dem Ende des Kaiserreichs war die Bevölkerung tief verunsichert.
Zu allem brach im Herbst 1918 die zweite heftigere Welle der Spanischen Grippe herein. Auch München traf es hart.
Gerade das Studium begonnen und noch geschwächt von der vorausgegangenen Erkrankung war der Medizinstudent Walter Bauer aus Dresden eines der vielen Opfer besonders auch unter den jungen Menschen.

Brief der Cousine Gretel über Walters Tod

Nach der Todesnachricht war die ganze Familie in großer Trauer. Tante Marie aus München schrieb am 05.12.1918 an Johanna:
„Liebste Hanne,
es war mir unter der unmittelbaren Wirkung des furchtbaren Ereignisses und all der traurigen Geschichten unmöglich, früher zu schreiben. Zu allem Unglück ist Tante Reserl, die gestern Abend mit der Bahn nach Dresden zurückreisen wollte, an Angina erkrankt, so daß ich durch die Pflege auch wenig Zeit übrig hab. Morgen Abend oder Samstag Mittag kommt Trudl auch aus Furcht vor den Kämpfen, die Ereignisse überstürzen sich. Man muss also den Kopf oben behalten, wenn man auch kaum im Stand ist, zu fassen, dass der liebe, feine Walter wirklich uns für immer genommen sein soll! – Für heut nur so zwischen der Pflege in aller Eile diese Zeilen mit unseren herzlichen Grüßen
Deine tief traurige Tante Marie“

und am 19.12.1918 mit Blick auf Weihnachten

„Meine liebe Hanne!
ich weiß nicht, ob Albert zu Weihnachten schon (vom Kriegsdienst) zurück und bei Dir sein wird und ob du seine Heimkehr in Augsburg abwarten willst. Auf alle Fälle werde ich unsre kleinen Gaben, die ich morgen hoffentlich besorgen kann, hinüber schicken. Wenn Albert kommt, glaube ich, daß ihr beide in Augsburg ein schöneres Fest feiern könnt als hier bei uns. Ich kann auch gar nicht über den Tod des lieben armen Walter hinweg kommen und wir werden ihn zu sehr vermissen. Tante Reserl ist vorgestern mit einem Freund Onkel Theo’s heimgereist. Sie war zwar noch ziemlich wacklig und eigentlich auch nicht reif zur Reise, ich begreife aber, daß sie die Gelegenheit, einen Schutz durch den Reisebegleiter zu haben, nicht verpassen wollte und froh war, endlich heim zu kommen. Wie Theo mir telefonierte, ist sie zwar mit großer Verspätung, aber auch gut angekommen.
Ich spüre jetzt auch die Nachwirkung der furchtbaren Angst um Walter, den unsagbaren Schmerz über seinen Tod und die Sorgen um Tante Reserl, dazu bin ich stark erkältet. Ich liege deshalb früh zu Bett und konnte auch gar keine Besorgungen für Weihnachten machen. Nach Walters Tod wollte ich Tante Reserl keine Stund allein lassen. Gestern hatte ich die schmerzliche Arbeit, Walters Sachen zu verpacken! Tante Reserl hat sich trotz allem bewunderungswürdig gehalten. Onkel Theo soll aber ganz gebrochen, ein alter Mann geworden und ganz geknickt sein, – Ach Gott, muß das ein furchtbaren Schmerz für die Eltern sein“-
Herzliche Grüße von uns allen schickt dir mit innigem Kuss
deine tief betrübte Tante Marie“

Familiengrab Theo Bauer, Alter Katholischer Friedhof Dresden
Grabsteininschrift: Marienlied von Walter Bauer

Meine Großeltern sind über Walters Tod nur sehr schwer hinweg gekommen. Insbesondere Großmutter Therese Bauer hatte sehr gelitten und zerbrach geradezu an ihrem Kummer. Acht Jahre später folgte sie dem geliebten Sohn ins Grab. Großvater Theo Bauer (Mitglied der Staatskapelle Dresden – Violine) fand seinen Trost in der Musik, erlebte die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die Zerstörung Dresdens und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Im November 1945 ist auch er verstorben und im Familiengrab beerdigt worden.
Von der Existenz des Familiengrabes wusste ich durch die jahrzehntelange Teilung Deutschlands lange nichts. Erst vor einigen Jahren habe ich es bei einem Besuch in Dresden entdeckt.

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