Alle Artikel in: Fotografie

Fotografie als Denksport

Der Raum für Fotografie Mannheim ZEPHYR empfängt uns mit dem aus der Dunkelkammer noch so vertrauten Geruch von Fotochemikalien. Wie dahin geworfen erscheinen mir die Arbeiten der japanischen Künstlerin Hiroko Komatsu – gleich einem improvisierten Versuchs-Laboratorium. Auf dem Boden verstreut und an den Wänden angebracht Schwarz-Fotos, auf denen Unmengen der verschiedenartigsten Baumaterialien zu sehen sind. Dazu große Fotobahnen – frisch entwickelt und scheinbar nicht richtig ausgewässert – mit Abbildungen vom Durcheinander auf gigantischen Baustellen. Daneben zeigt der Niederländer Frank von Der Salm Ausschnitte von Mega-Citys auf wandfüllenden Digitaldrucken  z.B. eine riesige Front eines noch leerstehenden Hochhauses oder eine beleuchtete Fensterfassade, wie aus Glasbausteinen zusammengesetzt – alles immer etwas unscharf abgebildet. Im nächsten Raum sind unzählige Farbaufnahmen über die Zerstörung alter chinesischer Stadtviertel des inzwischen weltweit bekannten und in seiner chinesischen Heimat verfolgten Konzeptkünstlers Ai Wei Wei zu sehen. Diese Arbeiten, die sich im ZEPHYR mit dem urbanen Wandel kritisch auseinander setzen, sind nur ein kleiner Teil des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, das  sich der großen Herausforderung stellt, an 7 Plätzen in 3 Städten 7 prekäre Felder mit dem Medium der Fotografie darzustellen. Alle …

Salgados „Genesis“-Fotos neu lesen

Im Frühjahr haben mich die „Genesis“ Fotos von Sebastião Salgado im c/o Berlin tief beeindruckt. Leider habe ich bei aller Begeisterung für Salgado die zur gleichen Zeit im c/o stattfindende Ausstellung „Distanz und Begehren – Begegnung mit dem afrikanischen Archiv“ nicht besucht. Diese sollte als Gegenüberstellung zur Salgados Ausstellung einen politischen Dialog herstellen: Hier spektakuläre zeitgenössische Fotos des weltberühmten brasilianischen Fotografen, dort eine Auseinandersetzung mit dem fotografischen Erbe des Kolonialismus in Afrika – historische Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1870 und der Frühzeit des 20. Jahrhunderts, kontrastiert mit aktuellen Fotografien zeitgenössischer Künstler aus Afrika – kuratiert von Tamar Garb. Die britische Kunsthistorikerin Tamar Garb äussert sich in einem Interview über die heutige Bedeutung kolonialer Bilderwelten kritisch über Salgados Genesis Projekt: Ich würde sagen, dass Salgados Blick einer sehr romantischen Vision folgt, die den Glauben an das Schöne und Erhabene der Natur fördert. Da findet sich ein Hauch von Ruhm und der majestätischen Wirkung, die der Natur im 19. Jahrhundert zugeschrieben wurde, auch wenn Salgado nicht der Erste ist der diese Sicht der Natur verkündet. In …

Fotojournalismus – Pionierin Marie Goslich

Diesen Sonntag konnte ich noch am letzten Öffnungstag eine feine Ausstellung im Schönbuch-Museum Dettenhausen besuchen – über Marie Goslich, eine erst vor wenigen Jahren wieder entdeckte Pionierin des Fotojournalismus. Die Ausstellung in Dettenhausen entstand im Rahmen eines Studien-Projekts am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen unter Leitung von Dr.Ulrich Hägele. Die kleine Schau war sehr liebevoll gestaltet. Auf Schautafeln und über Audioplayer wurde die Lebensgeschichte von Marie Goslich vorgestellt, und eine Auswahl ihrer Fotos gab Einblick in ihr fotografisches Werk. Einige Alltagsgegenstände aus der Zeit zu Beginn des 20.Jahrhunderts vermittelten den Besuchern Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse. In Dettenhausen wurde Marie Goslich aber nicht zum ersten Mal in der Region Stuttgart der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Mai diesen Jahres war schon in Böblingen ein Vortrag über die Grande Dame des Fotojournalismus von Krystyna Kauffmann zu hören. Der Kulturwissenschaftlerin Krystyna Kauffmann haben wir es zu verdanken, dass wir von der hervorragenden Fotografin und Journalistin heute überhaupt noch etwas erfahren dürfen. Sie ist vor einigen Jahren auf einen Teil des Fotonachlasses von Marie Goslich gestoßen, hat diesen kulturellen …

Mensch, was machst du?

Einen Kurzaufenthalt in der Spreemetropole konnte ich heute mit dem Besuch der Fotoausstellung Genesis von Sebastião Salgado bei c/o Berlin verbinden. Den Rundgang durch die großartige Bilderschau – ganz in Schwarz/Weiß – im alten Amerikahaus beginne ich bei Aufnahmen aus dem südlichen Teil unserer Erde. Ich bewundere phantastische Fotos kolossaler Eisberge in der Antarktis, wild aus dem Nebel ragende, bizarre Felsformationen des Cerro Torre in Patagonien, mit unzähligen Seevögeln bevölkerte Felsen der einsamen Falklandinseln, bildformatfüllend die majestätischen Schwanzflossen der Wale im Südatlantik, ganz nah aufgenommen, ein balzendes Paar der seltenen Wanderalbatrosse in Südgeorgien, …. So tauche ich ein in die Naturwelten fernab jeglicher Zivilisation, reise mit den Fotos um den Globus und bin buchstäblich hin und weg. „Es bleibt einem die Luft weg und Demut kehrt ein“, so hat ein anderer Besucher der Ausstellung seine Empfindung formuliert. Plötzlich schaue ich in das große Auge einer Riesenschildkröte. – „Mensch, was machst du hier?“, scheint mir dieser etwas skeptische Blick von der Seite auszudrücken. Das seit Hunderten von Jahren auf der Galapagos-Insel lebende archaisch wirkende Riesenpanzertier läge …

Spaziergang im Regen

Im Regen treibt es mich eigentlich nicht nach draußen, aber mit wetterfester Kleidung geht ein kleiner Spaziergang immer – heute auf dem „Mauswegle“ im Wald hinter dem Uni Campus Stuttgart-Vaihingen. Unerschrockene Mountainbiker traf ich, einzelne wackere Spaziergänger, Hundebesitzer und Schnecken aller Art, die nach langer Trockenperiode endlich wieder ihre Schleimspuren ziehen konnten. Mit meiner kleinen Kamera bin ich den Weich-Tierchen so nah auf den Leib bzw. an das Gehäuse gerückt, wie es bei anderen Tieren kaum möglich wäre.

Street Photography – Vivian Maier

2011 hatte ich zum ersten Mal einige ihrer Fotos in der Ausstellung „Vivian Maier- A life uncovered“ im Amerikahaus München bewundern können. Besonders die Porträts aus den frühen 1950iger Jahren hatten mich sehr angesprochen. Jetzt werden ihre Bilder – noch bis 12.April – in Berlin gezeigt, und die Ausstellung „Viviane Maier – Street Photographer“ im Willy-Brandt-Haus stößt zu Recht auf viel Resonanz. Denn Vivian Maier ist wirklich eine ganz große ihres Fachs – der Streetphotography. Das wird beim Betrachten ihrer Fotos auch dem Laien schnell klar. Ihr Gefühl für den richtigen Augenblick, der Blick für Licht und Schatten, einen guten Bildaufbau und interessante Linienführung – einfach grandios. Kaum vorstellbar, dass sie zeitlebens die Fotos nur für sich machte und nie damit an die Öffentlichkeit ging. Erst der zufällige Fund eines Teils ihrer mehr als 100 000 Fotos von einem jungen Mann, der den Wert der Aufnahmen erkannte und sie in einem Buch veröffentlichte, ermöglichte posthum die sensationelle Entdeckung der 2009 verstorbenen Vivian Maier als Fotokünstlerin. Inzwischen wurden ihre Bilder in mehreren Schauen weltweit gezeigt, wobei …

Gerda-Taro-Platz

Viele Male bin ich mit der Bahn schon an diesem kleinen Platz mit dem Namen Gerda Taro an der Ecke Hohenheimer-/Alexanderstrasse in der Stuttgarter City vorbei gefahren. Nun wollte ich ihn auch einmal aus der Nähe anschauen. Im Vorfeld gab es ja um die Neugestaltung des Platzes ziemlichen Ärger im Bezirksbeirat. Der fühlte sich bei der Planung zur Neugestaltung nicht ausreichend einbezogen. Der Platz mit der unscheinbaren winzigen Grünanlage wurde schon 2008 in Gerda-Taro-Platz umbenannt – nach der in Stuttgart geborenen und im Alter von 27 Jahren im Spanischen Bürgerkrieg umgekommenen Kriegsfotografin Gerda Taro. Im Jahr 2010 zeigte das Kunstmuseum Stuttgart eine große Retrospektive der lange vergessesenen Fotografin Gerda Taro – Krieg im Fokus, und jetzt ist die Geschichte dieser jungen Frau auf der Rückseite der metallenen Stelen, die ihren Namen tragen, nachzulesen. Seit November 2014 ist die Umgestaltung abgeschlossen. Ich finde sie gut gelungen, und das Gedenken an die von den Nazis verfolgte Gerda Taro in dieser Form auch angemessen. Hier die Pressemitteilung der Stadt Stuttgart zur Einweihung des neu gestalteten Gerda-Taro-Platzes Mehr über …

Fotografie in Belarus

Weißrussland, ach ja – da war doch was dieser Tage; – die lange Verhandlungsnacht im protzigen Palast zu Minsk mit dem Ziel der Waffenruhe im Ukraine-Krieg. Plötzlich stand Minsk, die Hauptstadt dieses isolierten Landes, von dem im Westen nur sehr wenig bekannt ist, im Mittelpunkt. In der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen am Stuttgarter Charlottenplatz ist jetzt Fotokunst aus dem fremden Land zu sehen. Einen Tag nach dem Verhandlungsmarathon wurde die Ausstellung „By Now – Zeitgenössische Fotografie in Belarus“ mit Werken von 16 jungen weißrussischen FotokünstlerInnen eröffnet. In ihrer Begrüßungsansprache drückte die Präsidentin des Instituts, Ursula Seiler-Albring, die Hoffnung aus, dass uns diese Bilder ein wenig mehr über Land und Leute erzählen und „einen Blick hinter den Palast“ gewähren mögen. Für mich ist das Land im Osten Europas bislang auch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Bekannt ist nur, dass es von einem mächtigen Präsidenten autoritär regiert wird, und dass die atomare Wolke von Tschernobyl das Land schwer kontaminiert hatte. Aus Erzählungen meines Vaters weiß ich noch, dass er im 2.Weltkrieg einige Zeit als Soldat …