Alle Artikel in: Fotografie

Die Dichterin der Armen

Bei meinem Freiwilligendienst mit Obdachlosen in Valparaiso/Chile habe ich dieses Buch über die Menschen am Rande der Gesellschaft entdeckt, das mich sehr fasziniert: „Rostros con Rastro“ (Gesichter mit Spuren), Edition La Matriz Es enthält Fotografien, Gedichte und Hintergrundtexte über die Ärmsten im alten Hafenviertel. Im Zenrum des Barrio Puerto betreibt die katholische Kirchengemeinde La Matriz seit Jahrzehnten die Anlaufstelle und Suppenküche Comedor 421. Die Schwarz/Weiß-Fotografien des professionellen Fotografen Andrés Nicolini sind für sich schon sehr stark. Das harte Leben auf der Straße hat deutliche Spuren in den markanten Gesichtern hinterlassen und Andrés Nicolini gelingt es eindrucksvoll, mit seinen Bildern die Gesichter zum Sprechen zu bringen. Sie erzählen vom Leben im Schatten, von Armut, Hunger, Schmerz und Einsamkeit. Noch mehr haben mich aber die ergänzenden kleinen Verse berührt. Auch wenn mir manch sprachliche Feinheit der spanischen Gedichte (noch) verschlossen bleibt. Die Melodie der Verse und die einfühlsamen Worte haben mich sofort gefangen genommen. Was ist das wohl für eine Frau, die dies schreibt? Mariposa Mariposa, mariposa regáleme destellos de colores para pintar tu lindo pelo Y …

Sergio Larrain – Retrospectiva

In Valparaiso/Chile sollte man unbedingt auch das Museo de Bellas Artes ansehen. Es liegt im Barrio Cerro Alegre, ohnehin einer der von Touristen meist besuchten Stadtteile. Beim heutigen Bummel durch das bunte Viertel wollte ich also den Palacio Barburizza, eine herrschaftliche Villa mit Gemälden chilenischer Künstler aus dem 18. und 19. Jahrhundert bewundern. Dort habe ich dann gesehen, dass hier gerade auch noch eine kostbare Fotoausstellung wird. Ein Genuss für mich, die wunderbaren S/W-Aufnahmen, das meisterliche Spiel mit Licht und Schatten, des chilenischen Magnum-Fotografen Sergio Larrain aus den 50iger und 60iger Jahren zu betrachten. Ein Scherpunkt dieser Auwahl aus seinem umfassenden Werk bilden Fotos aus Valparaiso. Larrain streift mit seiner Leica durch die Gassen, den Hafen und den Strand, dokumentiert Sznen aus dem Alltagsleben in der Stadt. Ihn interessieren dabei vor allem auch die Menschen am Rande der Gesellschaft. Das Treiben der Matrosen in den alten Hafenkneipen, die traurigen Gesichter junger Prostituierter, das armselige Leben der Straßenkinder aus jener Zeit, werden in seinen Bildern wieder lebendig. Linktipps Retrospektive Sergio Lorrain Sergio Larrain bei Magnum

Fotoworkshop mit Werner Bauer

Das wunderschöne Haus Buchenried direkt am Starnberger See bot einen schönen Rahmen für entspanntes Arbeiten und für die kreative Beschäftigung mit der Fotografie. Um fotografische Bilder zu kreieren braucht’s eine Idee und deren Inszenierung. Noch wichtiger aber ist, sich von den stereotypen Sehgewohnheiten zu lösen, die in unseren Köpfen stecken. Genau darum ging es den TeilnehmerInnen und dem erfahrenen Dachauer Fotografen Werner Bauer, der schon als junger Mann mit ungewöhnlichen Bildern aufgefallen ist und später seinen Weg als Berufsfotograf und Fotokünstler gefunden hat. Heute wird er von Partnern und Kunden sehr geschätzt, und seine Fotoworkshops sind sehr beliebt. Damit der Kopf frei wird von den tausendfach einströmenden Bilderwelten und um einen anderen als den gewohnten fotografischen Blick einzunehmen, sind die TeilnehmerInnen in einem ersten Experiment zu Beginn des Workshops einfach losgezogen, ohne den Sucher oder das Display zu benutzen. Beide Funktionen wurden zuvor abgeschaltet oder mit einem Klebestreifen überklebt. – Eine gute Übung, denn es machte schon einige Mühe, ohne vorherige Bildkontrolle die Kamera in Position zu bringen, wo doch jedes Auslösen heute gewöhnlich sofort …

Träume – Grete Stern

Vor dem Gebäude eine lange Schlange gut gelaunter Menschen. Die Touristen stehen hier an, weil sie den phantastischen Blick vom Dach des Circulo de Bellas Artes mitten in Madrid suchen und lassen sich mit dem Fahrstuhl direkt hinauf auf die Dachterrasse mit Bar und Lounge bringen. Unter der Woche am Vormittag konnte ich ohne Schlangenstehen eintreten und ungestört den Blick weit über die Dächer der Stadt schweifen lassen und in Ruhe auch einen Blick in die aktuellen Ausstellungen de Circulo de Bellas Artes werfen, das für seine guten „esposiciones“ und „espectáculos“ bekannt ist. Bis zum 30. Januar 2016 kann man dort noch die Serie „Sueños“ (Träume) von der aus Deutschland stammenden und vom Bauhaus geprägten Fotografin Grete Stern bewundern. Die erste künstlerische Ausbildung erhielt Grete Stern von 1923 bis 1925 in der Kunstgewerbeschule Stuttgart. Danach ging sie für kurze Zeit zurück in ihre Heimatstadt Wuppertal, um schließlich ins damals wie heute künstlerisch boomende Berlin zu ziehen und sich dort von dem späteren Bauhauslehrer Walter Peterhans fotografisch schulen zu lassen. Bekannt wurde sie in der Weimarer …

Fotografie als Denksport

Der Raum für Fotografie Mannheim ZEPHYR empfängt uns mit dem aus der Dunkelkammer noch so vertrauten Geruch von Fotochemikalien. Wie dahin geworfen erscheinen mir die Arbeiten der japanischen Künstlerin Hiroko Komatsu – gleich einem improvisierten Versuchs-Laboratorium. Auf dem Boden verstreut und an den Wänden angebracht Schwarz-Fotos, auf denen Unmengen der verschiedenartigsten Baumaterialien zu sehen sind. Dazu große Fotobahnen – frisch entwickelt und scheinbar nicht richtig ausgewässert – mit Abbildungen vom Durcheinander auf gigantischen Baustellen. Daneben zeigt der Niederländer Frank von Der Salm Ausschnitte von Mega-Citys auf wandfüllenden Digitaldrucken  z.B. eine riesige Front eines noch leerstehenden Hochhauses oder eine beleuchtete Fensterfassade, wie aus Glasbausteinen zusammengesetzt – alles immer etwas unscharf abgebildet. Im nächsten Raum sind unzählige Farbaufnahmen über die Zerstörung alter chinesischer Stadtviertel des inzwischen weltweit bekannten und in seiner chinesischen Heimat verfolgten Konzeptkünstlers Ai Wei Wei zu sehen. Diese Arbeiten, die sich im ZEPHYR mit dem urbanen Wandel kritisch auseinander setzen, sind nur ein kleiner Teil des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg, das  sich der großen Herausforderung stellt, an 7 Plätzen in 3 Städten 7 prekäre Felder mit dem Medium der Fotografie darzustellen. Alle …

Salgados „Genesis“-Fotos neu lesen

Im Frühjahr haben mich die „Genesis“ Fotos von Sebastião Salgado im c/o Berlin tief beeindruckt. Leider habe ich bei aller Begeisterung für Salgado die zur gleichen Zeit im c/o stattfindende Ausstellung „Distanz und Begehren – Begegnung mit dem afrikanischen Archiv“ nicht besucht. Diese sollte als Gegenüberstellung zur Salgados Ausstellung einen politischen Dialog herstellen: Hier spektakuläre zeitgenössische Fotos des weltberühmten brasilianischen Fotografen, dort eine Auseinandersetzung mit dem fotografischen Erbe des Kolonialismus in Afrika – historische Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1870 und der Frühzeit des 20. Jahrhunderts, kontrastiert mit aktuellen Fotografien zeitgenössischer Künstler aus Afrika – kuratiert von Tamar Garb. Die britische Kunsthistorikerin Tamar Garb äussert sich in einem Interview über die heutige Bedeutung kolonialer Bilderwelten kritisch über Salgados Genesis Projekt: Ich würde sagen, dass Salgados Blick einer sehr romantischen Vision folgt, die den Glauben an das Schöne und Erhabene der Natur fördert. Da findet sich ein Hauch von Ruhm und der majestätischen Wirkung, die der Natur im 19. Jahrhundert zugeschrieben wurde, auch wenn Salgado nicht der Erste ist der diese Sicht der Natur verkündet. In …

Fotojournalismus – Pionierin Marie Goslich

Diesen Sonntag konnte ich noch am letzten Öffnungstag eine feine Ausstellung im Schönbuch-Museum Dettenhausen besuchen – über Marie Goslich, eine erst vor wenigen Jahren wieder entdeckte Pionierin des Fotojournalismus. Die Ausstellung in Dettenhausen entstand im Rahmen eines Studien-Projekts am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen unter Leitung von Dr.Ulrich Hägele. Die kleine Schau war sehr liebevoll gestaltet. Auf Schautafeln und über Audioplayer wurde die Lebensgeschichte von Marie Goslich vorgestellt, und eine Auswahl ihrer Fotos gab Einblick in ihr fotografisches Werk. Einige Alltagsgegenstände aus der Zeit zu Beginn des 20.Jahrhunderts vermittelten den Besuchern Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse. In Dettenhausen wurde Marie Goslich aber nicht zum ersten Mal in der Region Stuttgart der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Mai diesen Jahres war schon in Böblingen ein Vortrag über die Grande Dame des Fotojournalismus von Krystyna Kauffmann zu hören. Der Kulturwissenschaftlerin Krystyna Kauffmann haben wir es zu verdanken, dass wir von der hervorragenden Fotografin und Journalistin heute überhaupt noch etwas erfahren dürfen. Sie ist vor einigen Jahren auf einen Teil des Fotonachlasses von Marie Goslich gestoßen, hat diesen kulturellen …

Mensch, was machst du?

Einen Kurzaufenthalt in der Spreemetropole konnte ich heute mit dem Besuch der Fotoausstellung Genesis von Sebastião Salgado bei c/o Berlin verbinden. Den Rundgang durch die großartige Bilderschau – ganz in Schwarz/Weiß – im alten Amerikahaus beginne ich bei Aufnahmen aus dem südlichen Teil unserer Erde. Ich bewundere phantastische Fotos kolossaler Eisberge in der Antarktis, wild aus dem Nebel ragende, bizarre Felsformationen des Cerro Torre in Patagonien, mit unzähligen Seevögeln bevölkerte Felsen der einsamen Falklandinseln, bildformatfüllend die majestätischen Schwanzflossen der Wale im Südatlantik, ganz nah aufgenommen, ein balzendes Paar der seltenen Wanderalbatrosse in Südgeorgien, …. So tauche ich ein in die Naturwelten fernab jeglicher Zivilisation, reise mit den Fotos um den Globus und bin buchstäblich hin und weg. „Es bleibt einem die Luft weg und Demut kehrt ein“, so hat ein anderer Besucher der Ausstellung seine Empfindung formuliert. Plötzlich schaue ich in das große Auge einer Riesenschildkröte. – „Mensch, was machst du hier?“, scheint mir dieser etwas skeptische Blick von der Seite auszudrücken. Das seit Hunderten von Jahren auf der Galapagos-Insel lebende archaisch wirkende Riesenpanzertier läge …