Autor: Theo

Musikstudium im Babylon Berlin

Wir kennen die wilden Zwanziger Jahre nur vom Hörensagen, aus der Literatur oder aus Filmen, wie zuletzt in der Fernsehserie „Babylon Berlin“ Mein Vater Felix Bauer hat mit 18 Jahren Schule und Elternhaus in Dresden verlassen und ist von 1923 bis 1926 zum Musikstudium nach Berlin gegangen.  In seinen Lebenserinnerungen schreibt er über die wilde Zeit in Berlin: „Anhalter Bahnhof -Treppen herunter- Askanischer Platz – U-Bahn zum Kurfürstendamm – Uhlandstrasse!- Da stand ich nun mit Koffer und Geige auf dem Ku’damm und ließ erst mal einige Minuten den brausenden Verkehr mit „schönem“ Benzingestank wie einen Film vor mir abrollen. Weder Paris, Brüssel, Wien, keine andere europäische Großstadt konnte mir später gleiches vorstinken! Berlin bleibt doch Berlin. Ein Freund meines Vaters – Kaufmann mit großem Textilhaus am Alexanderplatz, hatte mich eingeladen, für die ersten Tage sein Gast zu sein. Ich begab mich also zu der Adresse am Ku’damm, an dem ein papageienhaft buntes Wappenschild angebracht war: Generalkonsulat von Costa Rica! Vorgarten, kleine Treppe außen, schwere Eichentür, schwere Teppiche, Lift, Klingelknopf 1. Stock. Generalkonsulat, Namensschild, es stimmte …

1918 – Krieg, Hunger und die Spanische Grippe

Zum Gedenken an den früh verstorbenen Onkel Walter „Lieber Walter! Hast Du die neue Krankheit? Ich nicht, man nennt sie bei uns Sucht.“ schrieb am 20.07.1918 die jugendliche Gretel aus München ihrem Cousin Walter nach Dresden. Und am selben Tag auch Tante Else an die Nichte Johanna: „Hier in München sterben die Kinder im Alter von 14-17 Jahren wie die Fliegen, es soll die Lungenpest herrschen, ich muß deshalb mit Gretel fort… Der Doktor hat uns auch gesagt, Gretel muß einige Zeit in andere Luft wegen ihrer Bleichsucht.“ Diese in den privaten Briefen als „Sucht“ oder „Lungenpest“ bezeichnete Krankheit hatte 1918 als „Spanische Grippe“ weltweit Angst und Schrecken ausgelöst. Heute – 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – wird in vielfacher Weise erinnert: Erinnerungen an die große Kriegskatastrophe, an den Hunger, an die Novemberrevolution, den Beginn der Demokratie.- Die Spanische Grippe ist jedoch weitgehend vergessen. Aber diese Grippe bekommt eine neue Aktualität, seitdem in den vergangenen Jahren Grippewellen mit ähnlichen Virenstämmen wie 1918 auftraten. In ihrem jüngst erschienenen Buch „1918 – Die Welt …

Wiedersehen in Madrid

„Hallo Reinhold, hast Du mal in Stuttgart-Bergheim gewohnt? Gruß Wolfgang.“ Diese Anfrage erhielt ich vor drei Jahren über Facebook. Sicher, aber das ist doch schon fast 50 Jahre her. Wer kennt mich denn noch aus dieser Zeit? – Erinnerungsfetzen aus der Kindheit und Jugend in Stuttgart schwirren mir durch den Kopf. – Wer ist Wolfgang? – Ich krame alte Fotos aus der Kindheit hervor, und entdecke ihn schließlich auf einem Klassenfoto von 1962 . Wolfgang sitzt da direkt neben mir. Natürlich, der Wolfgang, den mochte ich sehr und so habe ich ihm auch gleich geantwortet: „Ja, ich bin dort aufgewachsen, und wenn ich nicht irre, sind wir zusammen in der Rappachschule im Giebel zur Schule gegangen. Später hatten wir über die Musik Kontakt. Ich habe Dich damals so bewundert, wie cool Du Gitarre gespielt hast.“ Wir schickten uns ein paar Mails und erzählten via Skype unsere Lebensgeschichten. Wolfgang lebt seit Jahrzehnten in Neuseeland und plante für 2018 noch einmal eine große Reise nach Europa und Amerika. Auch Spanien stand auf seinem Reiseprogramm. Da ich dieses …

Life is movement

Beim Besuch der Orthopädischen Uniklinik in Heidelberg begrüßt mich vor dem historischen Gebäude im Neckartal eine meterhohe Edelstahlskulptur. Auf dünnen Stahlbeinen bewegen sich wie beim Mobile mehrere Schwingen sanft im Wind. Sie bündeln und reflektieren die Sonnenstrahlen so, dass ich das Kunstwerk nur blinzelnd betrachten kann. Den Blick auf den Boden gerichtet, lese ich auf einer kleinen Tafel „Life is movement“. Leben ist Bewegung – das ist mal eine Ansage auf dem Weg zur Tumoroperation am Bein! Mit der Angst im Gepäck, ob ich nach dem Eingriff das Bein noch bewegen kann, wird mir bewusst, wie viel mir die uneingeschränkte Bewegung auf eigenen Beinen bedeutet. Ich liebe Rennradtouren, Bergwanderungen, ausgedehnte Spaziergänge im Wald und auch das Flanieren in der Stadt. Bewegung ist mir so wichtig und macht mich sehr zufrieden. Beim Radeln wähle ich eine Trittfrequenz, die mich die körperliche Anstrengung spüren, aber nicht außer Atem kommen lässt. Als Wald- und Naturgänger komme ich zu innerer Ruhe und guten Gedanken. Unterwegs mit Kameraden in den Bergen genieße ich die großartige Landschaft und das Bewegtsein in …

Volleyball der Spitzenklasse: Allianz MTV Stuttgart – USC Münster

Einer meiner Radsportkameraden – auch Volleyball Fan durch und durch – hat mich eingeladen, ihn doch einmal zu einem Spiel der Allianz MTV Stuttgart zu begleiten. Gestern traten die Volleyballdamen des USC Münster in der mit ca. 2000 Zuschauern fast ausverkauften Scharr-Arena zum Bundesligaduell gegen das Team aus Stuttgart an. USC Münster – seit Jahrzehnten ein Spitzenteam im deutschen Volleyball – konnte ich schon während meines Studiums in Westfalen bewundern. Und die Damen der Allianz MTV Stuttgart haben sich in den letzten 10 Jahren auch in der Volleyball-Spitze etabliert. Also – beste Voraussetzungen für ein spannendes Spiel. Schon während der S-Bahnfahrt wurde ich auf die Begegnung eingestimmt, über die besonderen Fähigkeiten der einzelnen Stuttgarter Spielerinnen aufgeklärt sowie über die Stärken des gegnerischen Teams aus Münster. In der relativ neuen Sporthalle unter den Rängen des Stuttgarter Fußballstadions herrschte schon beim Warmmachen der Spielerinnen beider Teams eine gute Atmosphäre. Alles lief recht familiär und entspannt ab. Man kennt sich unter den Zuschauern, und auch die Profi-Spielerinnen und Teambetreuer untereinander von vielen Begegnungen. Anders als beim Fußball, wo …

Radeln entlang der Filderbahn

Die Filderebene hat sich in letzter Zeit zu meinem bevorzugten Radrevier entwickelt. Trotz Autobahn, Flughafen und großer Siedlungsdichte kann man auf den Fildern immer noch schöne Ausflüge mit dem Rad unternehmen. Eine beliebte Route nutzt teilweise die Trasse der alten Filderbahn, die heute zumeist als kombinierter Rad-/und Fußweg ausgewiesen ist. Es ist zwar nicht die schönste Strecke auf den Fildern, aber sie verbindet in Ost-West-Richtung alle wichtigen Städte und Gemeinden. Deshalb würde sich diese Route aus meiner Sicht auch zum Ausbau als Radschnellweg eignen, der sich mit anderen Radwegen gut verbinden ließe und so den starken Individualverkehr auf den Fildern entlasten könnte. Dazu müssten einige Stellen mit unklarer Wegeführung natürlich verbessert und Kreuzungen mit Autos entschärft werden. Am Wege liegen auch bedeutsame Orte der Erinnerung: Kurz hinter Echterdingen befindet sich unweit des Radwegs der Zeppelinstein zur Erinnerung an das Zeppelinunglück vom 5. August 1908. An jenem Tag landete dort eines der ersten Luftschiffe nach einem Motorschaden. Ein Riesenspektakel für die Bevölkerung. Dann wurde es zum Entsetzen der vielen Zuschauer bei einem Gewittersturm aus der Verankerung …

Utopie mit Fisch

Vor dem Eintritt ins Theater La Lune wurden die Besucher mit einem Polaroid-Selbstbildnis in die Ideenwelt von „Utopie mit Fisch“ eingeladen – und im Theater doppelstimmig herzlich willkommen geheißen. Zum Aperitif und zur Einstimmung dann Gedanken über Utopie von Menschen aus dem Umfeld, einem Philosophen und von Julianna Herzberg. – Keine leichte Kost am frühen Abend! Die Rebellion in der Küchenhölle war durch das erotisch gefärbte Spiel da schon leichter verdaulich. Nur eine winzige, steile Treppe höher, der Versuch, den vorgegebenen engen Rahmen zu sprengen, um für ein selbstbestimmtes (Künstler-)Leben zu kämpfen. Der rote Faden führte die Besucher auf die Straße hinaus und wieder ins Theater zurück. Verwirrend und verwickelt wurde an diesem Abend jeder zur Verfügung stehende Quadratmeter des kleinen Theaters im Stuttgarter Osten bespielt und in das Stück mit einbezogen. Videoinstallationen von Roxana Naranjo, sowie Klavier- und Akkordeondarbietungen von Markus Ege unterstützten und begleiteten die anspruchsvolle multimediale Collage von Petra Weimer (Regie) und Julianna Herzberg (Projektleitung). Im Spiel hielt sich Petra Weimer eher zurück und überließ Julianna Herzberg die stärksten Szenen, die sie …

Kunst im 3eck – Nr.2

Zum 2. Mal öffneten am Samstag die Künstlerinnen Ingrid Schwarz (Malerei) und Petra Steidel Wokeck (Fotografie), sowie die Adolf Hölzel Stiftung ihre Türen in Stuttgart-Degerloch. „Kunst im 3eck“ traf auch dieses Mal wieder auf großes Echo bei den kunstinteressierten Bürgern. Die Versöhnungskirche – in diesem Jahr erstmalig beteiligt – war zum Auftakt jedenfalls sehr gut besucht. Nach Einführung und Vorstellung der Beteiligten, ein virtuos vorgetragenes kleines Violinkonzert von Ulrike Stortz, und schließlich ein spannender Beitrag über das beeindruckende Künstlerleben der von den Nazis ermordeten Hölzel Schülerin und lange in der Degerlocher Nachbarschaft wirkenden Malerin Maria Lemmé. Leider setzte wie im Vorjahr wieder starker Regen ein, so dass das Flanieren zwischen den Atelier-Standorten Ahornstraße, Löwenstraße und Roßhaustraße keine große Freude bereitete. Auch der zur Unterstützung eingesetzte Fahrradrikscha-Shuttleservice machte bei Regen weniger Spaß. Es war dennoch eine rundum gelungene Veranstaltung der Degerlocher Künstlerinnengruppe, der bei weiterer Fortsetzung auch einmal besseres Wetter zu wünschen ist.